
Im Mittelpunkt dieser Dissertation steht eine ethnographische Studie über das Selbstkonzept der Two‐Spirits im Kontext ihrer Selbstorganisation innerhalb Schwule, Lesben, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queers (LSBT*I*/Q) und indigener Subkulturen. Besondere Berücksichtigung findet die Revitalisierung des Kolonialklischees des „Berdachen“ (‘homosexueller Schamane in Kleidung und Rolle der Frau’). Aus der kritischen Aufarbeitung der kolonialen Ethnographie der „Berdachen“ wird deutlich, wie heteronormative Werte und Normen aus europäischen Kulturen auf indigene Kulturen Nordamerikas übertragen wurden. Diese Aspekte werden in einer wissenschaftshistorischen Kritik heteronormativer, homo‐, bi‐, trans*‐ und inter*feindlicher und rassistischer Repräsentationen von Geschlechtervarianz im indigenen Nordamerika und einer ethnographischen Fallstudie zur Selbstorganisation der Two‐Spirits thematisiert. Bei der Herausbildung der Konzepte Homosexualität, Cross‐Dressing und Transgender in Europa hatten die Verfolgungsinstanzen Kirchen, Justiz undSexualmedizin/Psychiatrie/Psychologie eine besondere Bedeutung, die jeweils im Laufe der Kolonisation auch auf außer‐europäische Kulturen ausgeweitet wurden. Interessant ist der Zusammenhang zwischen lange in Europa tradierten Geschlechter‐ und Sexualstereotypen und dem Perversions‐Konzept, das die Thematisierung von Homosexualität in der Klinischen Psychologie teilweise bis heute bestimmt. Die ethnographischen und kulturhistorischen Analysen dieser Dissertation basieren einerseits auf eigenen Daten aus Feldforschungen in verschiedenen Metropolen, nämlich zur Selbstorganisation von Two‐Spirits (Schwule, Lesben, Bisexuelle, Trans* und Inter* indigener Herkunft) in Toronto und zu vestimentären Performanzen auf Pride‐Paraden (insbesondere in Köln, Berlin und Hamburg). Diese werden andererseits mit einer Analyse biographischer, politischer, künstlerischer und politischer Text‐, Bild‐ und Ton‐Dokumente verbunden.