Zum Buch:
Wer gehört dazu und wer nicht? Wer spricht da noch von Menschenwürde in einer Welt von Flüchtlingen, wenn es für die Mehrheit der Erdbevölkerung ums nackte Überleben geht: Im archaischen römischen Recht wurde das nackte Leben von der Figur des homo sacer verkörpert: zwar durfte er straflos getötet, aber nicht geopfert werden, was auch seine Tötung sinnlos und ihn gleichsam unberührbar machte (woraus sich der Doppelsinn von sacer als “verflucht” und “heilig” ableitet). Der homo sacer markiert die Grenze zwischen dem nackten und dem rechtlich eingekleideten Leben. Es steht für das rechtlich ungeschützte, nur dem Souverän verfügbare Leben. Agamben verbindet die Moderne mit diesem Konzept, die Moderne der französische Revolution, der Aufklärung mit den Bürgerrechten im Schlepptau hat sich schon lange erledigt – Biomasse Mensch und Freiheit liegen nicht auf den gleichen Koordinaten, was bedeutet das für die Zukunft? Agambens Analyse erscheint logisch und verstörend zugleich. Die Neue Zürcher Zeitung über “Homo Sacer” Giorgio Agambens viel beachtetes Buch, so Uwe Justus Wenzels Einstig in seine Rezension, ist auch eine Relektüre von Thomas Hobbes’ Staatstheorie: der souveräne Staat, der Leviathan, ist dem Werwolf gleich, vereint “Wildnis und Kultur, Gewalt und Politik “ in sich, der Natur- und der Rechtszustand sind zwei Seiten derselben Medaille. Es geht um den Ausnahmezustand als permanente Möglichkeit, aus dem sich, nicht ohne Gewalt, das Recht wie die Politik immer wieder speisen. Ob sich das, worauf Agamben hinaus will, überhaupt “klar und deutlich” in Begriffe fassen lässt, da bleibt Wenzel skeptisch. Jedenfalls hat Agamben eine Figur gefunden, die die Doppelung von Ein- und Ausschluss ins und aus dem Recht verkörpert: den Homo Sacer der Antike, der straflos getötet, aber nicht geopfert werden darf. An ihm beschreibt er die “Zone der Indifferenz”, die, so Agamben, im Herzen noch des liberalen Rechtsstaats liegt, ja, auch diesen erst begründet. Wenzel hat seine Zweifel an der totalen Verallgemeinerbarkeit dieser Figur, vieles erscheint ihm nicht wirklich durchdacht, der Zug in “apokalyptische Prophetie” eher bedenklich. Die “Unerbittlichkeit”, die “schneidende Intelligenz” Agambens haben ihn dennoch beeindruckt. Basis Buchladen, München

