
Vanessa Grifo entwickelt einen migrationssoziologisch informierten Analyserahmen für das Internationale Personen- und Familienrecht. Ziel ist es, die Interessenkonflikte offenzulegen, die Gesetzgebung und Rechtsprechung im Migrationskontext prägen. In der Migrationssoziologie beschreibt das Konzept der postmigrantischen Gesellschaft, wie Politik und Gesellschaft die kulturelle Integration der Zugewanderten neu aushandeln, seit die Bundespolitik im Jahr 2001 erstmals anerkannte: „Deutschland ist Einwanderungsland". Dabei werden Konflikte zwischen der kulturellen Identität der Zugewanderten und der nationalen Identität des Einwanderungslandes - häufig gerade in Abgrenzung zu muslimischen Zugewanderten - neu ausbalanciert. In diesen postmigrantischen Identitätskonflikten kommt dem IPR eine besondere Moderationsfunktion zu. Es bestimmt, welcher Rechtsordnung die privaten Statusverhältnisse des Zugewanderten unterstehen. Dabei kann die Anwendung ausländischer, insbesondere islamisch geprägter, Rechtsordnungen Inhalte der nationalen Identität herausfordern. Die Autorin zeigt, dass sich die von der Migrationssoziologie herausgearbeiteten Kriterien zur Analyse postmigrantischer Identitätskonflikte auch in Konzepte und Methoden des IPR übersetzen lassen. Eine migrationssoziologisch informierte Analyse ausgewählter Gesetzgebungsakte und Urteile seit den 1970er Jahren offenbart, dass Gerichte und Gesetzgeber seit der Jahrtausendwende die kulturelle Identität Zugewanderter nicht mehr automatisch mit ihrer Heimatrechtsordnung gleichsetzen. Zugleich ziehen sie die nationale Identität des Einwanderungslandes verstärkt bei der Bildung und Anwendung von Kollisionsnormen heran. Dadurch verarbeitet die kollisionsrechtliche Dogmatik einen Wandel des Integrationsverständnisses von einem pluralistischen zu einem zunehmend assimilationsorientierten Ansatz .