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Seinetwegen

Autor
Buono, Zora del

Seinetwegen

Beschreibung

Jetzt wo ihre Mutter langsam in die Demenz verschwindet und sicher keine Fragen mehr über jahrzehntelang Totgeschwiegenes beantworten wird, macht sich Zora del Buono auf die Suche nach ihrem Vater, der bei einem Autounfall ums Leben kam, als sie gerade mal acht Monate alt war. Sie begibt sich auf eine Reise in die Schweiz und in die Vergangenheit, die ihrer Eltern und die eines Gerichtsprozesses. Im Gespräch mit Archivaren, Zeit- und Unfallzeugen, nähert sie sich einer von vielen möglichen Wahrheiten an.
Die Tragik der Geschichte löst Zora del Buono durch ihre klare, immer sachliche Sprache und ihre wunderbar anekdotische Erzählweise vollständig auf. Seinetwegen ist ein kluges, leises und vielschichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck, 2024
Seiten
204
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-406-82240-7
Preis
23,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Zora del Buono ist 1962 in Zürich beoren. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und war fünf Jahre Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Sie ist Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift mare. Sie veröffentlichte Romane und Novellen, zuletzt erschien 2020 im Beckverlag ihr Roman Die Marschallin. Zora del Buono lebt in Berlin und Zürich.

Zum Buch:

Jetzt wo ihre Mutter langsam in die Demenz verschwindet und sicher keine Fragen mehr über jahrzehntelang Totgeschwiegenes beantworten wird, macht sich Zora del Buono auf die Suche nach ihrem Vater, der bei einem Autounfall ums Leben kam, als sie gerade mal acht Monate alt war. Von Berlin aus, wo sie heute lebt, begibt sie sich auf eine Reise in die Schweiz und in die Vergangenheit, die ihrer Eltern und die eines Gerichtsprozesses. Im Gespräch mit Archivaren, Zeit- und Unfallzeugen, nähert sie sich einer von vielen möglichen Wahrheiten an.

Immer hin und her gerissen zwischen einem Drang endlich wissen zu wollen und dem gegenläufigen Bedürfnis, die Vergangenheit ruhen zu lassen – (…) eine sich verlaufende Spur als Befreiung.“¬–, nimmt uns die Autorin mit in abgelegene Gegenden der Schweiz, in der sie als Fremde nur ungern geduldet und schon gar nicht unterstützt wird bei ihren Recherchen. Die Lebensgeschichte des Unfallverursachers, der durch jedes Detail immer mehr vom gesichtslosen „Töter“ zu einem realen Menschen wird, nimmt zunehmend Raum ein und bringt Bewegung in die Sedimente vergrabener Gefühle.

Dass ein abwesender Elternteil, oder vielleicht sogar eher die Leerstelle, die dieser hinterlässt, ein ganzes Leben prägen kann, ist nicht neu. In del Buonos Fall drängt sich jedoch der Gedanke auf, dass eigentlich erst das Schweigen über den Verlust ihm Allmacht verleiht. Heilung ausgeschlossen, solange keine Luft an die Wunde kommen konnte. So überlebensnotwendig es offenbar für del Buonos Mutter damals war, alle Erinnerungsseile zu kappen, so heilsam hätte für die Tochter das Sprechen über den verlorenen Menschen vielleicht sein können? So sinniert die Autorin gen Ende des Buches darüber, wie es gewesen wäre, früher nach dem Unfallverursacher zu suchen, ihn zu finden und vielleicht sogar einmalig getroffen zu haben. Auszusprechen, welches Leid der Unfall damals der Familie zugefügt hat und wie groß die Last der Schuld für den Anderen gewesen ist. So aber blieb jeder allein mit seinem Teil des Geschehenen und den jeweiligen Folgen.

Die Tragik der Geschichte löst Zora del Buono durch ihre klare, immer sachliche Sprache und ihre wunderbar anekdotische Erzählweise vollständig auf. Eingeschobene in die konkrete Suche, versorgt uns die Autorin im Kaffeehaus sitzend mit gedanklichen Exkursen über Vaterlosigkeit, verunglückte Schafe im Roten Meer oder die unglaubliche Zahl von 50 Millionen Menschen, die ihr Leben ans Auto verloren, seit das erste Kraftfahrzeug aus der Fertigungshalle rollte. „Man stelle sich vor, es käme durch Zugunglücke zu so vielen Toten, durch Flugzeugabstürze oder Hundebisse, da wäre doch die Hölle los (keine Hunde mehr erlaubt). Beim Auto hingegen: ist halt so.“

Seinetwegen ist ein kluges, leises und vielschichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt