Zum Buch:
Anne von Canal erzählt die Geschichte eines Mannes, der an seine Vergangenheit nicht zu rühren vermag und vor der Zukunft flieht. Der Wind, das Meer, die auf einem Kreuzfahrtschiff zufällig und nur für kurze Zeit zusammengewürfelte Gesellschaft scheinen der ideale Ort für ihn zu sein, um freizukommen. Aber das Meer ist unberechenbar – wie die Musik kann es Erinnerungen nach oben tragen.
Wer auf dem Meer lebt, erträgt es nicht, an Land zu sein, festen Boden unter den Füßen zu haben. Auf dem Kreuzfahrtschiff glaubt der Mann am Klavier Ruhe zu finden. Lorenzo, Lawrence Alexander, Laurits, Laurentius – er hat viele Namen getragen. Sie stehen für die vielen Lebensphasen, die er hinter sich gelassen hat. Denn er ist geflohen. Und das nicht nur einmal. Als Jugendlicher lief er nach der nicht bestandenen Konservatoriumsprüfung vor sich selbst davon, vor dem Flügel, der sein Ruhepol gewesen war zwischen dem unerbittlich strengen, fordernden Vater und der Mutter, die ihrem Mann immer den Rücken deckte. Nach der Feier seines zehnjährigen Hochzeitstages verlässt er sein Vaterland Schweden und die Eltern, deren wirklichen Verrat er erst zu diesem Zeitpunkt begreift. Er zieht nach Estland, zu der Familie seiner Frau Silja. Und dann, in der Mitte seines Lebens, flieht er noch einmal, fort von Silja, nach Venedig.
Venedig, die schwimmende Stadt, hätte in den letzten fünf Jahren ein neues Zuhause werden können. Doch auch von dort ist er wieder aufgebrochen. Vielleicht macht das Meer dem Mann ein Geschenk, vielleicht ist es die Zeit auf dem Wasser, die er braucht, um heimkehren zu können, wohin auch immer.
Was die einzelnen Gründe für die jeweils neue Flucht dieses Mannes gewesen sein mochten, das beim Lesen herauszufinden mag den hintergründigen Motor des Romans ausmachen. Das wirklich Magische an diesem Debüt aber sind die Szenen, in denen man das Fragen vergisst, das Voraus- wie auch das Zurückschauen. Es sind Szenen, in denen man verweilen möchte und es nicht kann, denn sie sind vergänglich wie die Schaumkronen der Wellen, die alles unter sich begraben.
Susanne Rikl, München