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Autor
Prödel, Kurt

Salto

Untertitel
Roman
Beschreibung

Salto, Kurt Prödels zweiter Roman, beginnt an einem jener seltsamen Punkte im Leben, auf den jahrelang alles zugelaufen ist – und an dem plötzlich nichts mehr funktioniert. Das Abitur ist geschafft, die Zukunft könnte beginnen, die Welt scheint offen. Doch statt Aufbruch stellt sich bei Marko vor allem Stillstand ein.
Prödel gelingt es gut, diese Übergangsphase einzufangen: die Mischung aus Hoffnung, Leere, Zukunftsdruck und dem diffusen Gefühl, dass alle anderen bereits wissen, wie das Leben funktioniert.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
park x ullstein, 2026
Format
Gebunden
Seiten
272 Seiten
ISBN/EAN
978-3-98816-070-6
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Kurt Prödel, geboren 1991 und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, ist Künstler und Autor. Sein literarisches Debüt Klapper wurde 2025 mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Köln.

Zum Buch:

Salto, Kurt Prödels zweiter Roman, beginnt an einem jener seltsamen Punkte im Leben, auf den jahrelang alles zugelaufen ist – und an dem plötzlich nichts mehr funktioniert. Das Abitur ist geschafft, die Zukunft könnte beginnen, die Welt scheint offen. Doch statt Aufbruch stellt sich bei Marko vor allem Stillstand ein. Trotz Bestnoten scheitert sein Traum vom Medizinstudium am Numerus clausus, während seine Freundin Claire nur noch weg will aus der Kleinstadt, hinein in ein anderes Leben, das irgendwo zwischen München, Universität und Selbstverwirklichung zu liegen scheint. Was folgt, ist kein klassischer Coming-of-Age-Roman über Selbstfindung und Neuanfang, sondern eine Geschichte über Überforderung, Kontrollverlust und die schmerzhafte Erkenntnis, dass das Leben nicht automatisch dort beginnt, wo man es geplant hatte.
Gerade darin liegt die große Stärke von Salto. Kurt Prödel erzählt von einer Generation, die permanent mit Möglichkeiten konfrontiert ist und sich gleichzeitig oft handlungsunfähig fühlt. Marko scrollt durch TikTok-Videos, wartet auf Zusagen, verdrängt Entscheidungen und verliert zunehmend den Kontakt zu sich selbst. Claire kämpft derweil nicht nur mit der brüchig werdenden Beziehung, sondern auch mit körperlichen Problemen. Prödel gelingt es dabei bemerkenswert gut, diese Übergangsphase einzufangen: die Mischung aus Hoffnung, Leere, Zukunftsdruck und dem diffusen Gefühl, dass alle anderen bereits wissen, wie das Leben funktioniert.

Dass sich Salto dabei so leicht liest, ist keineswegs eine Schwäche. Im Gegenteil. Während Gegenwartsliteratur nicht selten mit Kühle, Distanz oder demonstrativer Komplexität auffährt, setzt Prödel auf Direktheit. Seine Sprache ist einfach, schnell und nahbar, ohne banal zu werden.
Kurze Kapitel, schnelle Dialoge und popkulturelle Referenzen erzeugen einen Sog, der den Roman zu einem echten „Easy Read“ macht – allerdings zu einem, der seine Figuren und ihre Krisen ernst nimmt. Gerade junge Leser*innen dürften sich in vielen Momenten wiedererkennen: Im Druck, sofort die richtigen Entscheidungen treffen zu müssen, in der Angst vor dem Scheitern oder in der Erfahrung, dass digitale Dauerablenkung Einsamkeit nicht verschwinden lässt.

Besonders gelungen sind die kleinen formalen Eigenheiten des Romans. Die eingestreuten Videobeschreibungen oder das wiederkehrende Mantra „Augen zu. Eine Sekunde warten. Augen auf“ verleihen dem Text eine eigentümliche Atmosphäre zwischen Tagtraum, Erinnerung und dem Versuch, Kontrolle über die eigenen Emotionen zu erlangen. Immer wieder gelingen Prödel dabei präzise Beobachtungen alltäglicher Situationen – und Sätze, die lange nachhallen. „Ich denke, dass Menschen wie Meteoriten sind“, heißt es einmal. „Sie streifen dich, und für einen Moment brennt alles, alles wird hell, alles wird warm. Dann ziehen sie weiter.“

Ganz frei von Schwächen ist Salto allerdings nicht. Manche Figuren bleiben überraschend blass, insbesondere Marko wirkt manchmal eher passiv und nicht wirklich greifbar. Der Roman interessiert sich stärker für Stimmungen und emotionale Zustände als für klassische Figurenentwicklung. Dadurch entstehen hin und wieder Längen, die auch das hohe Erzähltempo nicht vollständig auffangen kann.

Trotzdem bleibt Salto ein bemerkenswertes Buch. Nicht zuletzt deshalb, weil Prödel persönliche Krisen nie ausschließlich individualisiert, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen dahinter sichtbar macht: Leistungsdruck, Bildungsbarrieren, Zukunftsangst und die Frage, wer sich Hoffnung überhaupt leisten kann. Vielleicht erreicht Salto nicht ganz die emotionale Wucht von Prödels starkem Vorgänger Klapper. Aber auch dieser Roman zeigt eindrucksvoll, wie zugänglich, berührend und gegenwärtig Literatur sein kann, ohne sich hinter literarischer Schwere zu verstecken.

Sara Mundt, Der andere Buchladen, Köln