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Französische Gegenwartsliteratur

Autor
Louis, Édouard

Das Ende von Eddy

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Beschreibung

Sie nennen ihn auf dem Pausenhof Schwuli, Tunte und Hinterlader. Sie spucken ihn an, verprügeln ihn als leichtes Opfer. Er lässt das alles über sich ergehen, denn weder hat er gelernt sich zu wehren, noch weiß er mit Ausdrücken wie Schwuli, Tunte oder Hinterlader etwas anzufangen. Es weiß nur, dass etwas anders ist. Dies ist die Geschichte eines Ausbruchs. In ihrer Sprachgewalt unerreichbar.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
S. Fischer Verlag, 2016
Format
Taschenbuch
Seiten
205 Seiten
ISBN/EAN
978-3-596-03243-3
Preis
11,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Édouard Louis wurde 1991 geboren. Sein autobiographischer Debütroman »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Sein zweiter Roman »Im Herzen der Gewalt« erschien 2016 und wird verfilmt. Édouard Louis’ Bücher erscheinen in 30 Ländern. Im Sommer 2018 war er Samuel Fischer-Gastprofessor an der Freie Universität Berlin, wo er den Begriff der »konfrontativen Literatur« prägte. Zur selben Zeit adaptierte Thomas Ostermeier den Roman »Im Herzen der Gewalt« für die Schaubühne Berlin. Édouard Louis lebt in Paris.

Zum Buch:

»An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.«

So beginnt dieser außergewöhnliche Roman, der sich, einmal gelesen, kaum noch aus dem Gedächtnis wird löschen lassen. Warum das so ist? Ganz einfach, weil kaum jemand etwas Vergleichbares je zuvor gelesen haben dürfte, wenn er nach der letzten Seite, dem letzten Satz den Buchdeckel nur widerwillig zuklappt und erst einmal tief durchatmet. Aber keine Angst, das ergeht jedem so, und man weiß hinterher nicht, ob man lachen oder heulen soll. Besser lachen. Das wäre im Sinne des Autors.

Eddy passt nicht in das System. Das Problem dabei ist, Eddy weiß noch gar nicht, dass er dort nicht hineinpasst, er ahnt es nur. Vage.

Aufgewachsen in einem Dorf bitterarmer Fabrikarbeiterfamilien in der Picardie im Norden Frankreichs, erkennt Eddy, dass etwas an ihm anders ist als bei seinen Geschwistern und Schulkameraden. Auf dem Schulflur passen sie ihn tagtäglich ab, nennen ihn Schwuli und Tunte, spucken ihm ins Gesicht und prügeln ihn hinterher zusammen. Eddy ist schmal gebaut, eher dünn, so dass ihn selbst die Eltern oft nur Skelett nennen. Er wehrt sich kein einziges Mal gegen die Pöbeleien oder die Schläge, sie sind ihm eher zu einem tagtäglichen Ritual geworden, und außerdem kann er mit Begriffen wie Schwuli, Tunte oder Hinterlader nicht viel anfangen, denn im Dorf gibt es keine Schwulen, im Dorf dreht sich alles um die Fabrik, ums Saufen, Samstagabendschlägereien, Fußball und den Weibern hinterher gucken und sie im besten Fall flach zu legen. Das ist das System. Das war es immer schon. Und Eddy liegt viel daran, sich diesem System anzupassen, aus dem einzigen Grund, nicht weiter aufzufallen. Nur interessiert sich Eddy leider nicht für ein Leben in der Fabrik. Vom Saufen muss er kotzen. Schlagen will er sich nicht, kann er auch gar nicht, und was die Weiber angeht, nun ja, er hat es versucht, einmal hat er es versucht, um sich anzupassen, aber als ihm dann zum ersten Mal ein Mädchen die Zunge in den Hals steckt, wird ihm schlichtweg übel. Was also tun?

Dies ist die Geschichte eines Aufbruchs. Nein, eines Ausbruchs. Dies ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich, ganz zum Schluss, doch noch über die krude Uniformierung einer Gesellschaft erhebt, die für Andersartigkeit keinen Platz bereithält, weil ihr Andersartigkeit im Grunde genommen nur Angst macht. Dies ist die Geschichte eines jungen Mannes, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der keine Angst hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Das hier ist Eddys Geschichte, und sie ist verdammt gut erzählt. Wie gesagt, man weiß manchmal nicht, ob man lachen oder heulen soll. Besser lachen. In diesem Sinne: Danke, Eddy.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln