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Ein anderer Takt

Autor
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Beschreibung

Als im letzten Jahrhundert in den Südstaaten schwarze Familien von heute auf morgen ihre Sachen packen und Haus und Hof verlassen, bleibt die weiße Gemeinde zunächst ratlos zurück. Als sich dies jedoch im ganzen Land zu wiederholen scheint, glüht der erste Funke Hass auf und entfacht bald schon einen Flächenbrand.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hoffmann und Campe, 2019
Seiten
304
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-455-00626-1
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

William Melvin Kelly wurde 1937 in New York geboren. Mit vierundzwanzig veröffentlichte er seinen bis heute gefeierten Debütroman Ein anderer Takt. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris und Jamaika kehrte er mit seiner Familie 1977 nach New York zurück und unterrichtete am Sarah Lawrence College Kreatives Schreiben. Für seine Roman, Kurzgeschichten, Essays und Filme wurde Kelley mehrfach ausgezeichnet. Er starb 2017 in Harlem.

Zum Buch:

„Ich kann tun, was ich will, ich brauche nicht auf jemanden zu warten, der mir die Freiheit gibt – ich kann sie mir selbst nehmen.“

Es begann in den Südstaaten, und es begann ohne Vorzeichen. Und wie die meisten Ereignisse, die sich durch ihre Besonderheit auszeichnen und ins Gedächtnis einprägen, geschah auch dieses hier an einem völlig normalen Tag.
Der schwarze Farmer Tucker Caliban trat eines Morgens aus dem Haus und fing an, Salz auf seine Felder zu streuen, so als würde er säen. Er tat dies schweigend und zielstrebig und ließ sich dabei durch nichts aus der Ruhe bringen. Als er damit fertig war, erschoss er sein Pferd. Anschließend hackte er mit der Axt einen Baum zu Kleinholz, der bereits seinen Vorfahren Schatten gespendet hatte. Und als auch das getan war, traten er und seine Frau mit Koffer und Reisetasche bepackt vors Haus. Sie blickten sich kurz an. Dann warf Tucker ein brennendes Streichholz durch die offene Tür, und sie verließen das Tal. Ohne Bedauern in ihren Minen und ohne sich noch einmal umzudrehen.

Seine seltsamen Taten waren indes nicht unbeobachtet geblieben. Keinen Steinwurf von Tuckers in Flammen aufgehendem Haus entfernt hatte sich längst eine kleine, ausnahmslos weiße Menschenmenge auf der Veranda des Lebensmittelladens eingefunden und in ungläubigem Staunen zugesehen. Die einen kauten auf ihrem Prim. Andere knabberten Käse und Cracker oder schnitzen mit ihren Messern Kerben ins Geländer – doch griffen sie weder ein noch sagten sie etwas. Sie taten vielmehr so, als ginge sie das alles nicht das Geringste an.
Später meinten einige, das, was da geschehen sei, hätte Tucker im Blut gelegen, ohne jedoch näher darauf einzugehen. Wieder andere waren der Ansicht, er sei ganz einfach verrückt geworden. Doch einigen konnten sie sich dahingehend, dass hier etwas vor sich ging, das sie nicht verstanden. Denn die Nachrichten, im ganzen Land würden Schwarze jeglichen Alters ihre Siebensachen packen und sich auf den Weg begeben, häuften sich. Wohin genau sie alle gingen, das wusste niemand. Dennoch machte sich ein ungutes Gefühl unter den Weißen breit. Denn wer sollte jetzt ihre Felder bestellen? Wer ihre Wagen waschen oder ihre Kinder hüten? In ihrer Ratlosigkeit und in ihrem Unvermögen, Verständnis oder Mitgefühl aufzubringen und entsprechend zu reagieren, entbrannte zunächst Zorn unter ihnen, dann Hass, der immer dazu angetan ist, kommenden Katastrophen Vorschub zu leisten.

William Melvin Kelly zu lesen ist eine Erfahrung, die man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Dass dieser mit Ein anderer Takt sein Debüt vorgelegt haben soll, und das im Alter von gerademal vierundzwanzig Jahren, ist kaum zu glauben und macht diese Leseerfahrung noch umso reicher. Die Metapher, dass man sich von einem Buch so dermaßen einnehmen lassen kann, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen will, mag billig und abgedroschen klingen – doch in diesem Fall entspricht das nichts mehr als der Wahrheit.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln