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Man kann Müttern nicht trauen

Autor
Roedig, Andrea

Man kann Müttern nicht trauen

Beschreibung

Andrea Roedig erzählt in autofiktionaler Weise die Geschichte ihrer Mutter. Die verlässt ihre Familie, als die Tochter 12 Jahre alt ist. Es ist eine persönliche Auseinandersetzung mit der Frage, wer diese Frau war, die der Tochter zeitlebens fremd geblieben ist. Zugleich erzählt das Buch ein Frauenleben in der BRD seit den 60er Jahren, über Wünsche, Hoffnungen, Befreiungsversuche und den Wunsch der Tochter nach Nähe zur Mutter.
(azsführliche Besprechung unten)

Verlag
dtv Verlagsgesellschaft, 2022
Seiten
240
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-423-29013-5
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Andrea Roedig, 1962 in Düsseldorf geboren, ist Essayistin und freie Publizistin. Sie promovierte im Fach Philosophie, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und leitete fünf Jahre die Kulturredaktion der Wochenzeitung „Der Freitag“. Seit 2007 lebt Andrea Roedig in Wien und ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Wespennest“.

Zum Buch:

Andrea Roedigs Mutter Lilo verlässt ihre Familie, als Andrea zwölf Jahre alt ist. Fast drei Jahre bleibt sie verschwunden.

Die Tochter erzählt das Leben der Mutter, weil sie verstehen will, wie eine Frau so empathielos den eigenen Kindern gegenüber sein kann. Sie beginnt mit der Kindheit: Lilo wird 1938 geboren, wächst ohne Vater auf, der aus dem Russlandfeldzug nicht zurückkehrt. Sie wird von ihrer Mutter, die sie in der Wohnung einsperrt, oft geschlagen. Das Kind hat große Angst, und es hat niemanden, mit der es sprechen könnte oder die ihm hilft. Sie wird Zeit ihres Lebens ihre Mutter hassen, sie aber trotzdem immer an ihrer Seite haben.

Lilo macht in der Nachkriegszeit eine Ausbildung in einem Modefachgeschäft und wird Verkäuferin. Sie lernt den Sohn einer Metzgerdynastie kennen, heiratet ihn und bekommt mit ihm zwei Kinder– Andrea und ihren Bruder Christoph.

Wir befinden uns in den 60iger Jahren der Bundesrepublik. Eine Aufstiegsgeschichte wird erzählt: die Mutter, ausnehmend schön, wird Chefin in der angesehenen Düsseldorfer Metzgerei. Die junge Familie ist wohlhabend und lebt in luxuriösen Verhältnissen, der Vater fährt einen Porsche, die Urlaube verbringen sie in Übersee, in Luxusvillen und Hotels. Es wird gefeiert und viel Alkohol getrunken, jedes Wochenende. Die Eltern werden alkoholabhängig, die Mutter dazu tablettenabhängig. Andrea Roedig beschreibt brutale und gewalttätige Szenen, die in der Nacht und im Dunkeln spielen. Die Wohlgeordnetheit einer bürgerlichen Familie bildet die Fassade. Die Eltern benutzen die Kinder für ihr konkurrentes Spiel. Mit ihren Wünschen nach Geborgenheit, Liebe und Anerkennung lassen sie sie allein.

Die Metzgerei geht pleite. Ein rasanter sozialer Abstieg folgt. Am Ende werden der Vater und die beiden Kinder vorübergehend von den Großeltern aufgenommen, nicht aber die Mutter. Sie wird verjagt, obwohl sie nicht allein für den Zusammenbruch verantwortlich ist. Die Kinder wissen, dass auch der Vater, ein „Draufgänger und gnadenloser Egoist“, den Konkurs und die Zerstörung der Familie verursacht hat.
Die Kinder sehen ihre Mutter drei Jahre nicht, danach gibt es sporadische Treffen. Die Mutter bleibt immer fremd, sie ist gleichzeitig Täterin und Opfer. Eine gekränkte Frau, die ihr Glück und ihre Befreiung nur in „Funktionseinheit mit einem Mann“ zu finden meint. Sie lebt weit entfernt und lässt Besuche der Kinder nicht zu.

Andrea Roedig rekonstruiert die Geschichte der Mutter und damit auch ihre eigene, ihre Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen an ein gelingendes Leben trotz und mit dieser verstörenden Mutterbeziehung. Sie erzählt aus der Erinnerung Familienszenen und Begegnungen in einer nüchternen Sprache, zitiert aus ihren Tagebüchern und aus Aufzeichnungen und Briefen der Mutter und versucht dabei zu verstehen, was ihrer Mutter passiert sein könnte und warum sie weggegangen ist und sie allein gelassen hat. „Sie (die Mutter) hätte nicht wirklich erzählen wollen, nicht erzählen können, weil es im Erzählen um Wahrheit geht, um Befreiung, Entschlüsselung, um Sinn. Warum erzählen wir? Damit wir fühlen lernen.“ So Andrea Roedigs Fazit am Ende ihrer Erzählung.

Barbara Determann, Frankfurt