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Autor
Gebauer, Thomas; Trojanow, Ilija

Hilfe? Hilfe!

Untertitel
Wege aus der globalen Krise
Beschreibung

Die „UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ enthält nicht weniger als 17 Haupt- und 169 Nebenziele. Für die Umsetzung dieser Ziele bietet die Agenda ein einziges Rezept an – wirtschaftliches Wachstum. Der Bericht von Thomas Gebauer, langjähriger Geschäftsführer der 1968 gegründeten Hilfsorganisation „medico international“, und dem Schriftsteller Ilija Trojanow über ihre Reisen nach Pakistan, Kenia, Sierra Leone, Mexiko, Nicaragua, Brüssel und Genf lässt die UN-Agenda und ihr Umsetzungsrezept als hoffnungslos unterkomplex und tendenziell zynisch erscheinen. Zum wirtschaftlichen Wachstum nämlich fehlen diesen Ländern die elementarsten Voraussetzungen, vor allem aber eine politische Perspektive, die nicht nur eine notfallmäßige Versorgung von unterernährten Kindern vorsieht, sondern auch die Beseitigung von Hindernissen, die den Blick auf strukturelle Veränderungen erst ermöglichen würden. Denn der Mangel an Lebensmitteln hat direkt zu tun mit der Korruption der Eliten, mit Steuerflucht, Verschuldung und jenen internationalen Handelsabkommen, die den Zugang der Armen zu den Märkten der Reichen erschweren oder ganz blockieren und die Binnenmärkte der armen Länder mit Ramschware aus dem Westen überfluten.
(ausführliche Besprechung)

Verlag
S. Fischer Verlag, 2018
Format
Kartoniert
Seiten
256 Seiten
ISBN/EAN
978-3-596-70188-9
Preis
15,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Thomas Gebauer, geboren 1955, studierte Psychologie und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach dem Diplom arbeitete er für die Hilfsorganisation »medico international«, deren Geschäftsführer er seit 1996 ist. 2014 wurde er mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er war einer der beiden Initiatoren der 1997 mit dem Friedensnobelpreisausgezeichneten »Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen«.

Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Zum Buch:

Die „UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ enthält nicht weniger als 17 Haupt- und 169 Nebenziele. Für die Umsetzung dieser Ziele bietet die Agenda ein einziges Rezept an – wirtschaftliches Wachstum. Der Bericht von Thomas Gebauer, langjähriger Geschäftsführer der 1968 gegründeten Hilfsorganisation „medico international“, und dem Schriftsteller Ilija Trojanow über ihre Reisen nach Pakistan, Kenia, Sierra Leone, Mexiko, Nicaragua, Brüssel und Genf lässt die UN-Agenda und ihr Umsetzungsrezept als hoffnungslos unterkomplex und tendenziell zynisch erscheinen. Zum wirtschaftlichen Wachstum nämlich fehlen diesen Ländern die elementarsten Voraussetzungen, vor allem aber eine politische Perspektive, die nicht nur eine notfallmäßige Versorgung von unterernährten Kindern vorsieht, sondern auch die Beseitigung von Hindernissen, die den Blick auf strukturelle Veränderungen erst ermöglichen würden. Denn der Mangel an Lebensmitteln hat direkt zu tun mit der Korruption der Eliten, mit Steuerflucht, Verschuldung und jenen internationalen Handelsabkommen, die den Zugang der Armen zu den Märkten der Reichen erschweren oder ganz blockieren und die Binnenmärkte der armen Länder mit Ramschware aus dem Westen überfluten.

Die globale Hilfsindustrie schwankt zwischen Hoffnungslosigkeit angesichts der „unerträglichen Ungerechtigkeit der real herrschenden Verhältnisse“ und Goldgräberstimmung, denn „Hilfe“ ist auch zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden. Einige Zahlen illustrieren die Lage: Hilfsorganisationen in Deutschland nehmen jährlich über 7 Milliarden Euro an Spenden ein, in den USA sind es 300 Milliarden Dollar, die aus Charity-Events fließen. Die Entwicklungshilfe aller westlichen Staaten beläuft sich pro Jahr auf 135 Milliarden Dollar, was sich gewaltig anhört. Allerdings kosteten allein die Kriege in Afghanistan und im Irak rund 5 Billionen Dollar, und in der Bankenkrise 2007/08 wurden 50 Billionen Dollar verbrannt. Nach Zahlen der OECD verlieren die armen Staaten mehr als dreimal so viel durch Steuerhinterziehung von Konzernen, wie sie an Entwicklungshilfe erhalten. In der BRD ist der Verteidigungsetat fast fünfmal größer als jener für Entwicklungshilfe. Solche Einsichten und Zahlen sind nicht neu, aber immer der Verbreitung würdig. Denn blanker Wohlstandschauvinismus ist bis ins grün-neoliberale Juste Milieu hinein salonfähig geworden: “Die Welt wird, sozial gesehen, objektiv besser. Und gleichzeitig ökologisch und politisch bedrohter“ (Peter Unfried, taz v. 28./29.7.2018). So richtig der zweite Satz ist, so borniert und einfältig der erste.

Durch Hilfe und Almosen für rund 800 Millionen Hungernde und Unterernährte werden die herrschenden Verhältnisse nicht verändert, sondern zementiert. Gebauer und Trojanow plädieren nicht für die Abschaffung von Nothilfe, sondern für eine kritische Revision des Hilfebegriffs. Dazu gehört, dass die Stimme der Notleidenden und Hilfebedürftigen gehört wird, bevor man mit punktuellen Interventionen in strukturell höchst komplexe Notlagen eingreift. Sie belegen diese Diagnose mit zahlreichen Beispielen aus Ländern durch vier Kontinente.

In Karachi (Pakistan) kamen 2012 259 Arbeiter um, als eine 6000 m2 große Textilfabrik mit rund 10 000 Beschäftigten während dreier Tage brannte. Es war kein Unfall. „Höhere Gewalt“ war auch nicht im Spiel, wohl aber kriminelle Sicherheits- und Produktionsbedingungen, unter denen täglich 70 000 Jeans und Röcke für westliche Billigkaufhäuser produziert wurden. Wer sich gewerkschaftlich organisierte und wehrte, riskierte eine Anklage wegen „Terrorismus“. Qualitätskontrollen gab es zwar für die Produkte, aber nicht für die Arbeitsbedingungen. Der Menschenrechtsanwalt Faisal Siddiqi und der Gewerkschaftsverband klagten und erstritten nach zehn Jahren hartem Ringen fünf Millionen Euro Entschädigung vom deutschen Textil-Discounter kik für die Hinterbliebenen der Opfer. Das ist einerseits viel, andererseits lächerlich wenig Geld. Schlimmer aber ist, dass sich mit dem Vergleich an den katastrophalen sozialen Zuständen gar nichts ändert. Der Anwalt hält den Deal für einen Fehler und zieht eine negative Bilanz: „Sie wollen das Problem mit Geld lösen, nicht durch Änderungen der Gesetze und Vorschriften“.

Am Beispiel Bangladeschs lässt sich nachvollziehen, wie fragwürdig das vom Nobelpreisträger Muhammad Yunus propagierte Instrument der Mikrokredite ist. Oft dienen diese Kredite nicht dem kleingewerblichen Betrieb, sondern der Deckung von Grundbedürfnissen (Arztkosten, Schulgeld etc.). Und statt die Solidarität unter den Armen und ihre Kraft zu genossenschaftlichem und kooperativem Handeln zu stärken, fördern solche Kredite Vereinzelung und Kommerzialisierung sozialer Beziehungen. In Nicaragua kämpfen ehemalige sandinistische Soldaten heute für Umweltstandards und gegen Privatisierungen unter der Devise: „Helfen? Nein. Gemeinsam kämpfen? Ja!“. In Kenia arbeitet die Gruppe KAPLET im größten Slum für Menschenrechte und gegen Polizeiwillkür.

Ein ganzes Kapitel widmen die Autoren den falschen Strategien von Entwicklungshilfe, die auf der Entpolitisierung zur Caritas und auf der Privatisierung staatlich verbriefter Existenzsicherung beruhen. So sind viele NGOs in einem Dilemma. Sie können Herrschaftsverhältnisse unterminieren, aber auch stabilisieren, wenn sie etwa Defizite staatlichen Handelns kompensieren.

Im letzten Kapitel des informativen Buches zeigen Gebauer und Trojanow, dass es auch „anders geht“, nämlich dann, wenn sich die Politik von populären Vorurteilen verabschiedet: dem Vorrang von Konkurrenz vor Kooperation, privat vor öffentlich und groß vor klein. Sie plädieren für einen „radikalen Reformismus“ (Joachim Hirsch), der auf kooperative, solidarische und genossenschaftliche Lösungen setzt und Lernprozesse initiiert, die nicht nur auf „Spenden hier“ und „Helfen dort“ beruhen, sondern auf der Einsicht, dass die Veränderung von Denk- und Lebensweisen wichtiger für die Veränderung sozialer Beziehungen und Strukturen ist als die Orientierung an machtpolitischen Perspektiven. Die Kampagne für das Verbot von Landminen, an der weltweit über 1000 Initiativen beteiligt waren und der 1997 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, ist ebenso ein Bespiel für die „Globalisierung von unten“ wie das „People’s Health Movement“ in Bangladesch. Das Buch formuliert eine Alternative zum grün lackierten Neoliberalismus – eine solidarische und ökologische Ökonomie jenseits von Profit und blindem Wachstum.

Rudolf Walther, Frankfurt am Main