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Autor
Augé, Marc

Die Zukunft der Erdbewohner

Untertitel
Ein Manifest. Aus dem Französischen von Daniel Fastner
Beschreibung

In dem hier vorliegenden kleinen Bändchen Die Zukunft der Erdbewohner hat Marc Augé eine sehr differenzierte Vision entworfen. Einige seiner Grundideen sind durchaus bedenkenswert und werfen ein neues Licht auf unser Dasein als Mensch in der Dreiheit Individuum, Kultur und Gattung. Von der Technologie unserer Lebenswelt überrannt, ist der Mensch nicht mehr Herr seiner Geschichte: Er erdenkt sich nicht mehr seine Zukunft oder Utopien, vielmehr greift die Zukunft nach ihm, saugt ihn auf. Wir werden nicht mehr von der Vergangenheit bestimmt, sondern von einer Zukunft, die uns ängstigt.

Augé sucht die Befreiung aus diesem Dilemma durch den Rückgriff auf das dem Menschen eigene wissenschaftliche Methodendenken der Verifikation und Falsifikation, von dem jede realitätsbasierte Hypothese ihren Ausgangspunkt nimmt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz Berlin, 2019
Format
Kartoniert
Seiten
94 Seiten
ISBN/EAN
978-3-95757-701-6
Preis
15,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Marc Augé, geboren 1935, lehrt Anthropologie an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), deren Präsident er lange Jahre war. Weit über die Fachgrenzen bekannt wurde er mit seinem Essay Nicht-Orte.

Zum Buch:

In dem hier vorliegenden kleinen Bändchen Die Zukunft der Erdbewohner hat Marc Augé eine sehr differenzierte Vision entworfen. Einige seiner Grundideen sind durchaus bedenkenswert und werfen ein neues Licht auf unser Dasein als Mensch in der Dreiheit Individuum, Kultur und Gattung. Von der Technologie unserer Lebenswelt überrannt, ist der Mensch nicht mehr Herr seiner Geschichte: Er erdenkt sich nicht mehr seine Zukunft oder Utopien, vielmehr greift die Zukunft nach ihm, saugt ihn auf. Wir werden nicht mehr von der Vergangenheit bestimmt, sondern von einer Zukunft, die uns ängstigt.

Augé sucht die Befreiung aus diesem Dilemma durch den Rückgriff auf das dem Menschen eigene wissenschaftliche Methodendenken der Verifikation und Falsifikation, von dem jede realitätsbasierte Hypothese ihren Ausgangspunkt nimmt.

Die Problematik des Fortschrittsbegriffs auf kulturellem Gebiet bleibt unauflösbar. „Fortschritt“ ist jedoch bestenfalls in der Wissenschaft eine in ihrem Sinngehalt anwendbare Größe. Auf der Ebene der Technologie sind die Errungenschaften unbestreitbar: der Griff in den Weltraum ebenso wie die Erforschung des Kleinsten. Es bildet sich eine Globalisierung des Denkens, die den Einzelnen in den Kreis des potentiellen Konsumenten, in eine „Weltvergesellschaftung“ einfügt, „die die politischen Grenzen überschritte und versuchte, jeden Einzelnen als freien Bewohner des Planeten Erde zu befördern.“

Es schließen sich Fragen nach der Möglichkeit der Ethno-Analyse an: Traumata, die Völkern in vergangenen Epochen zugefügt wurden, und ihre Verarbeitung. Anthropologie und Psychoanalyse bekommen hier eine entscheidende Bedeutung auf der Suche nach dem individuellen Selbst, das in dieser Schrift eine zentrale Voraussetzung für (doch wieder) eine Utopie einer Weltgemeinschaft bildet.

Auf der Ebene der Anthropologie kann dann auch das Kapitel über das Verschwinden der Religion verständlich werden: die Auflösung des Organisationsmodells unbeschadet der privaten Einstellung des Individuums zum Wissen (und zum Glauben). Die Tendenz geht in Richtung einer Auflösung, die auf eine Umgestaltung der Bildung drängt, um diesen Umschwung in den Griff zu bekommen. Dies wird eine gewaltige Aufgabe mit zweifelhaftem Erfolg, da auf Grund der Wanderungsbewegungen vieler Flüchtlinge und Völkerschaften ein schwer entwirrbares Konglomerat an Kulturüberformungen zusammenfließt.

Der Wunsch des Anthropologen geht dahin, die Individuen auf allen Gebieten – der Finanzwelt, der Arbeitswelt, der Welt der Literatur, der Mode usw. – firm zu machen, um in der Welt mitsprechen zu können. Wenn der Mensch sich durch seine Bildung aller Ressourcen bedienen kann, ist es vielleicht auch möglich, dass er als „zoon politikon“ Solidarität entwickeln für die Weltgemeinschaft. In der Summe liegt hier eine Handlungsanweisung aus anthropologischer Sicht vor, die der Utopie sehr nahe steht.

Marc Augé hat seine Vision L‘avenir des terriens. Fin de la Préhistoire de l‘humanité comme société planétaire 2016 geschrieben. Der jetzt in deutscher Übersetzung erschienene Titel seines Manifests – Die Zukunft der Erdbewohner klingt schlichter und reiht sich ein in die Literatur über die problematische Zukunft der Welt, nicht nur Europas.

Notker Gloker, Heiligenberg