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Autor
Gall, Alfred

Stanislaw Lem

Untertitel
Leben in der Zukunft
Beschreibung

Alfred Gall ist Professor für westslawische Literatur und Kulturwissenschaft und leitet das Mainzer Polonicum. Mit seiner im vergangenen Jahr erschienenen Biografie Stanisław Lems wird deutlich, dass er nicht nur Wissenschaftler ist, sondern auch hervorragender Sachbuchautor. Zum 100. Geburtstag der Science Fiction-Ikone Stanisław Lem hat er eine beeindruckende Biografie geschrieben, die Lust macht, Lems Werk wiederzuentdecken.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
wbg Theiss, 2021
Format
Gebunden
Seiten
272 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8062-4248-5
Preis
25,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Alfred Gall ist Professor für westslawische Literatur und Kulturwissenschaft sowie wissenschaftlicher Leiter des Polonicums an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die polnische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere deren Verhältnis zur Philosophie, Postkolonialismus, Literatursoziologie und Literaturgeschichte.

Zum Buch:

Alfred Gall ist Professor für westslawische Literatur und Kulturwissenschaft und leitet das Mainzer Polonicum. Mit seiner im vergangenen Jahr erschienenen Biografie Stanisław Lems wird deutlich, dass er nicht nur Wissenschaftler ist, sondern auch hervorragender Sachbuchautor. Zum 100. Geburtstag der Science Fiction-Ikone Stanisław Lem hat er eine beeindruckende Biografie geschrieben, die Lust macht, Lems Werk wiederzuentdecken.

Lem wurde 1921 als Sohn einer polnisch-jüdischen Familie in Lemberg (polnisch Lwów, ukrainisch Lwiw) geboren. Während des 2. Weltkriegs wird Lemberg erst von der Roten Armee, dann von der Deutschen Wehrmacht besetzt; nur knapp entgeht die Familie dem Holocaust, viele Familienangehörige und Bekannte werden ermordet. Vor diesem Hintergrund betrachtet Gall Lems Schreiben als postkatastrophische Literatur. Literaturwissenschaftlich fundiert zeigt der Autor, warum Science Fiction für Lem das adäquate Genre ist, um über Krieg und Okkupation zu schreiben. In Extremsituationen, für die Galizien im 20. Jahrhundert Schauplatz wurde, so Gall, gehe es nicht nur um die Gattung Mensch; angesichts der apokalyptischen Schrecken verliere die Einzelperson ihre Bedeutung. Lems Schreiben muss vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs als „Transposition eines traumatischen Zivilisationsbruchs“ betrachtet werden. Gall beschreibt diesen Kontext in angemessener Komplexität und verliert doch nie seinen Gegenstand aus dem Blick; dass das Buch trotz historischer Fülle ausgezeichnet lesbar bleibt, ist ein großes Verdienst des Autors.

Und das Buch macht Lust auf Lems Texte – auch die unbekannteren: Gall führt die Leserin durch die vielen herrlichen Einfälle Lems. Dazu gehört zum Beispiel die Maschine in Kyberiade (1965), die alle Dinge, die mit dem Buchstaben „N“ beginnen, erschaffen kann, sich nach Nasenlöchern, Neutronen, Nudeln und Nymphen aber selbst zerstört, indem sie das „Nichts“ erschafft. Ein weiterer Einfall, auf den Gall immer wieder zurückkommt, ist der verrückte Wissenschaftler Corcoran in Sterntagebücher (1957), der künstliche Gehirne in Kisten aufbewahrt, denen er jeweils eine andere Realität vorspielt – ein technisiertes Höhlengleichnis. Galls Biografie verdanken wir auch die Wiederentdeckung von Lems Antikriminalromanen, in denen der Zufall der Täter ist, oder der Vorlesungen eines Supercomputers in Also sprach GOLEM. Gall beleuchtet die Entstehung der einzelnen Texte, gibt Einblick in Handlung und kultur- bzw. technikhistorischen Kontext und macht so Lust, Lems Romane neu oder zum ersten Mal zu lesen.

Eine zentrale Frage beschäftigt Gall: Wie lässt sich Stanisław Lems ambivalente Haltung gegenüber dem autoritären sozialistischen Regime erklären? An Lems Regimeferne kann nicht gezweifelt werden: zu frei und unabhängig sind seine fiktionalen Welten, zu sehr investierte er in Parodien des steifen Systems und hatte auch essayistisch seine Kritik an diesem System zum Ausdruck gebracht als eines, das aus kybernetischer Perspektive grundsätzlich dysfunktional ist: Ein auf Planung beruhender Zentralismus muss scheitern, weil er nur Rückkopplungen zulässt, die ins System passen. Trotzdem unterschrieb er den regimekritischen offenen Brief seiner Schrifstellerkolleg:innen erst, als es schon zu spät war.

Ambivalent war Lem auch in Hinblick auf seine Haltung gegenüber dem Fortschritt. Zwar schwelgt er in seinen fiktionalen Texten in Imaginationen des technischen Fortschritts und interessierte sich zeitlebens brennend für Kybernetik, Raumfahrt und die Naturwissenschaften. Trotzdem stand er dem technischen Fortschritt skeptisch gegenüber, denn die Menschen könnten einfach nicht damit umgehen und würden ihn immer wieder für die falschen Zwecke missbrauchen.

Die Beschäftigung mit Lem und seinen Texten zeigt sehr deutlich, so Gall, dass Technologie immer im Zusammenhang mit sozialen und politischen Kontexten betrachtet werden muss. Diese Einsicht strukturiert auch die vorliegende Biografie. Gall gelingt es, Lems Biografie und Entwicklung als Autor nicht nur spannend zu erzählen, sondern stets auch historisch, technikgeschichtlich und kulturpolitisch zu kontextualisieren, sodass sich über die Biografie ein Epochenpanorama des 20. Jahrhundert entfaltet. Lem entsteht daraus nicht als Einzelschicksal, als prophetisches Ausnahmeindividuum, sondern als jemand, der stets im Dialog mit seiner Gegenwart und ihren Herausforderungen gestanden hat. Die grandiose Biografie über Stanisław Lems von Alfred Gall bringt Lem so auch denen nahe, die sich bislang noch nicht für seine Texte interessiert haben.

Alena Heinritz, Innsbruck