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Autor
Felsch, Philipp

Wie Nietzsche aus der Kälte kam

Untertitel
Geschichte einer Rettung
Beschreibung

Mazzino Montinari sitzt in seinem Weimarer Arbeitszimmer. Umgeben von Notizzetteln und Manuskripten sucht er akribisch nach verborgenen Quellen, bis er nach sieben Stunden strapaziöser Arbeit ein einziges Zitat aufspüren kann. Immerhin. Aus der Hochstimmung über diesen Fund heraus schreibt er, wie er es so oft über Jahre und Grenzen hinweg tun wird, einen Brief nach Italien – adressiert an Giorgio Colli, Montinaris knapp elf Jahre älteren paedagogo und intellektuellen Intimus.

Philipp Felsch schafft es eindrücklich, den unwegsamen Editionsverlauf der Nietzsche-Ausgabe am Konjunkturverlauf der Arbeit Montinaris nachzuzeichnen. Bestechend detailreich tritt jeder Satz spürbar aus der jahrelangen Archivarbeit hervor. Zugleich bleibt das Buch gut lesbar und zugänglich, ohne der Komplexität seiner Inhalte auszuweichen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck Verlag, 2022
Format
Gebunden
Seiten
287 Seiten
ISBN/EAN
978-3-406-77701-1
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Philipp Felsch ist Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zum Buch:

Mazzino Montinari sitzt in seinem Weimarer Arbeitszimmer. Umgeben von Notizzetteln und Manuskripten sucht er akribisch nach verborgenen Quellen, bis er nach sieben Stunden strapaziöser Arbeit ein einziges Zitat aufspüren kann. Immerhin. Aus der Hochstimmung über diesen Fund heraus schreibt er, wie er es so oft über Jahre und Grenzen hinweg tun wird, einen Brief nach Italien – adressiert an Giorgio Colli, Montinaris knapp elf Jahre älteren paedagogo und intellektuellen Intimus.

Die beiden Italiener kennen sich noch aus dem toskanischen Lucca. Colli wird damals, zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als Lehrer an ein Gymnasium berufen und schart in kurzer Zeit einen Zirkel von Schülern um sich, unter denen auch Montinari ist, mit dem sich Colli durch die Gräkophilie und die Liebe zur deutschen Philosophie verbunden fühlt. Er ermutigt ihn, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche im Original zu lesen. Doch mit der Zäsur, die das Ende des Krieges darstellt, endet auch der unmittelbare Kontakt zwischen Schüler und Lehrer. Zehn Jahre werden vergangen sein, bis die Trauerfeier für ein ehemaliges Mitglied des Zirkels sie wieder zusammenführt. Colli, der sein Lehrerdasein für eine Professur aufgeben möchte, beschließt, gemeinsam mit Montinari eine umfangreiche kritische Nietzsche-Ausgabe zu erarbeiten. Und es wird zwei weitere Jahre dauern, bis Einaudi, das große italienische Verlagshaus, bereit ist, der Finanzierung zuzustimmen.

Nach der Zusage Einaudis reist Montinari in die DDR nach Weimar, wo die Schriften Nietzsches archiviert sind. Ursprünglich waren nur einige Monate angesetzt, um die Edition zu vervollständigen, doch es wird Jahre dauern. Scheinbar endlos gestaltet sich die philologische Arbeit, Zweifel wachsen – sieben Stunden, um ein Zitat zu finden, dazu die äußerst schwierig zu dechiffrierende, vom Wahn gezeichnete Handschrift Nietzsches; die Frage, welche Texte zum Werk zählen und welche nicht – alles mit dem Ziel: den wahren Nietzsche freizulegen. Montinari wird unsicher, auch der ökonomische und politische Druck belastet die Editionsarbeit.

Es sind die frühen 1960er Jahre: Sich zu dieser Zeit Nietzsche auch nur zu nähern, ist bereits ein Politikum. Noch immer sehen viele in seinen Schriften den Nährboden, auf dem der deutsche Faschismus keimen konnte. Dass die Nationalsozialisten Nietzsche aber fragmentarisch und kontextfrei lasen und ihn nur so für ihre Zwecke instrumentalisieren konnten, war noch kein verbreitetes Argument. Immer wieder gab es Bemühungen um eine »Wiedergutmachung an Nietzsche«, um die Befreiung der Philosophie von ihrem Missbrauch, die vor allem auf die Verfälschungen Elisabeth Förster-Nietzsches, Friedrichs Schwester und Nachlassverwalterin, zurückzuführen sind. Anfang der 1960er Jahre sind es erneut französische Intellektuelle, vor allem Michel Foucault und Gilles Deleuze, die sich einem Nietzscheanismus verschreiben und sein Werk zu interpretieren versuchen.

Philipp Felsch schafft es eindrücklich, den unwegsamen Editionsverlauf der Nietzsche-Ausgabe am Konjunkturverlauf der Arbeit Montinaris nachzuzeichnen. Wie in seiner vorherigen Monographie Der lange Sommer der Theorie gelingt es ihm, eine geistesgeschichtliche Miniatur für ihre ganze Epoche zu extrapolieren. Felsch berichtet von den kommunistischen Kreisen im faschistischen Italien, vom Realsozialismus der DDR, von der Interpretationsmanie des intellektuellen Frankreichs – stets anekdotisch verknüpft mit Nietzsches eigenem Schaffen. Bestechend detailreich tritt jeder Satz spürbar aus der jahrelangen Archivarbeit hervor. Zugleich bleibt das Buch gut lesbar und zugänglich, ohne der Komplexität seiner Inhalte auszuweichen.

Felix Spangenberg, autorenbuchhandlung marx & co., Frankfurt