Drucken

Der Korb გოდორი

Autor
Tschiladse ჭილაძე, Otar ოთარ

Der Korb გოდორი

Untertitel
Aus dem Georgischen von Kristiane Lichtenfeld
Beschreibung

Der weitgereiste Alexandre Dumas wird in einer Kutsche durch die prachtvolle georgische Landschaft geschaukelt und gerät vor Verzückung ganz aus dem Häuschen, als sich ihm inmitten des sowieso schon atemberaubenden Idylls ein Bild bietet, das romantischer, ja, eigentlich göttlicher nicht sein könnte: An einem sanft abfallenden Abhang steht, auf seinen Stab gestützt, sinnierend ein einsamer Hirte, eine „göttliche Gestalt, die es verpasst hatte, in den Olymp aufzusteigen.“ Was der von diesem vorzüglich arrangierten Tableau kaukasischer Ursprünglichkeit begeisterte französische Weltliterat nicht ahnt, ist, dass der da in seinem verschossenen Wollmantel stehende Hirt ungewollt der Begründer einer monströsen Dynastie von „Korbmenschen“ werden wird, die die Geschicke Georgiens in den folgenden Jahrhunderten lenken sollte – konsequent zum Schlechteren hin.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz Verlag, 2018
Seiten
464
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-95757-531-9
Preis
30,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Otar Tschiladse, 1933 im georgischen Sighnaghi geboren, gilt als der bedeutendste georgische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Zeitlebens engagierte sich der Lyriker, Dramatiker und Romancier für die Eigenständigkeit Georgiens und gegen die fast zweihundertjährige Übermacht russischen, später sowjetischen Einflusses. Tschiladse starb 2009.

Zum Buch:

Der weitgereiste Alexandre Dumas wird in einer Kutsche durch die prachtvolle georgische Landschaft geschaukelt und gerät vor Verzückung ganz aus dem Häuschen, als sich ihm inmitten des sowieso schon atemberaubenden Idylls ein Bild bietet, das romantischer, ja, eigentlich göttlicher nicht sein könnte: An einem sanft abfallenden Abhang steht, auf seinen Stab gestützt, sinnierend ein einsamer Hirte, eine „göttliche Gestalt, die es verpasst hatte, in den Olymp aufzusteigen.“ Was der von diesem vorzüglich arrangierten Tableau kaukasischer Ursprünglichkeit begeisterte französische Weltliterat nicht ahnt, ist, dass der da in seinem verschossenen Wollmantel stehende Hirt ungewollt der Begründer einer monströsen Dynastie von „Korbmenschen“ werden wird, die die Geschicke Georgiens in den folgenden Jahrhunderten lenken sollte – konsequent zum Schlechteren hin.

Denn rasend vor Eifersucht und bis ins Mark gekränkt von der allzu offensichtlich gepflegten Affäre seiner Frau mit dem örtlichen russischen Polizeikommandanten, tötet er wenig später erst seine untreue Gattin und schließlich sich selbst. In seinem blutigen Furor amoroso vergisst er allerdings, seinen Sohn zu töten, der die väterliche Raserei aus einem Weidenkorb heraus beobachtet. Sterbend bittet der Vater die herbeigeeilten Nachbarn: „Hab den Jungen zu töten vergessen, tut ihr‘s, tut ein gutes Werk, aus dem wird kein Mensch.“

Dass die verstörten Nachbarn diesen letzten Wunsch verwehren, versteht sich von selbst…

Bitterböse ist der blutige Auftakt zu Otar Tschiladses Roman Der Korb, der in epischer Breite die Geschichte der fiktiven Familie Kascheli erzählt, die wiederum unauflöslich mit der Geschichte des Landes Georgien verbunden ist. Rashden Kascheli, der als rücksichtsloser Gewaltmensch ebenjenem Weidenkorb entsteigt, wird zum Stammvater einer Dynastie von Mördern und Despoten, die es über die Dekaden hinweg vorzüglich verstehen, sich an der Macht zu halten:„(…) er sollte Ursprung sein einer ganz neuen Rasse, eine, die sich selbst zu fressen im Stande wäre, sich selbst von innen her auszufressen, denn in der Natur fände sich keine Macht, diese Rasse zu bezwingen.“

Dieses breit angelegte und bizarre Familienpanorama kulminiert im Georgien der 90er Jahre. Das Oberhaupt der Kaschelis – ebenfalls Rashden mit Vornamen –, begehrt die Ehefrau seines Sohnes Anton, der wiederum so gar nicht in das althergebrachte Persönlichkeitsprofil der Familie passen will. Als naiver Vielleser und guter Freund des von der Unabhängigkeit Georgiens träumenden Schriftstellers Elisbar (dessen Tochter Lisiko Antons Frau ist), versucht er sich aus der scheinbar unentrinnbaren, immer gleichen Mechanik der Familiengeschichte der Kaschelis zu befreien, in dem er den übermächtigen Vater – und Nebenbuhler – ermordet. Oder zumindest davon phantasiert und schließlich desillusioniert in den Schützengräben des Abchasienkrieges landet.

Tschiladse, der zunächst als begnadeter Lyriker reüssierte und später dann als Romancier frenetisch gefeiert wurde, nimmt den Leser direkt ins Gehirn seiner Figuren mit. In einem gewaltigen, ausufernden Bewusstseinsstrom, der reich an kulturellen Referenzen und Anspielungen ist, zeigt er die seelische Verfasstheit seiner Protagonisten, in der sich das politische Geschehen und die persönlichen Wünsche, Sorgen und Befindlichkeiten vermischen und in Wechselwirkung miteinander treten – mit nicht selten fatalem Ausgang. Diese Spiegelung des Gesellschaftlichen im Seelischen seiner Figuren, die wiederkehrende Motivik und Variation verschiedener Themen, diese großangelegte, in schillernden Bildern und einer überwältigenden Sprachkunst daherkommende, tragikomisch-bizarre Geschichte ist ein Werk, das jedem wärmstens ans Herz gelegt sei, der sich für die „Seelen-Geschichte“ Georgiens, ach was!, für großartige Literatur interessiert.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt