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Der Ausbruch

Autor
Sarrazin, Albertine

Der Ausbruch

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Beschreibung

Als Albertine Sarrazin mit 29 Jahren starb, hatte sie einen Großteil ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Ihre Romane hatten für ein Aufsehen gesorgt, das sie in ganz Frankreich und über seine Grenzen hinaus bekannt machte. Die Neuübersetzung von Der Ausbruch durch Claudia Steinitz ist dazu angetan dieses großartige Buch erneut ins Gespräch zu bringen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
INK Press, 2018
Seiten
528
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-906811-08-6
Preis
26,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Albertine Sarrazin sorgt mit ihrem kurzen, wilden Leben (1937 bis 1967) im Frankreich der sechziger Jahre für ebenso viel Aufsehen wie mit ihren literarischen Bestsellern. In der Adoptivfamilie vergewaltigt, aus der Besserungsanstalt geflohen, schlägt sie sich als Kleinkriminelle und Prostituierte durch. Während der vielen Verwahrungen schreibt sie drei Romane, die mit Unterstützung von Simone de Beauvoir erscheinen. Mit 29 Jahren wacht sie nach einer Nierenoperation nicht mehr aus der Narkose auf.

Zum Buch:

Als Albertine Sarrazin mit 29 Jahren starb, hatte sie einen Großteil ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Ihre Romane hatten für ein Aufsehen gesorgt, das sie in ganz Frankreich und über seine Grenzen hinaus bekannt machte. Die Neuübersetzung von Der Ausbruch durch Claudia Steinitz ist dazu angetan dieses großartige Buch erneut ins Gespräch zu bringen.

Anick Damien, die Protagonistin des Romans, sitzt (nicht zum ersten Mal) wegen Juwelendiebstahls und Hehlerei hinter Gittern. Der Ausbruch stellt ihre Aufzeichnungen während eines Teils dieser Haftzeit dar. Sie erzählen von den Verhältnissen, Freund- und Feindschaften im Gefängnis und vor Gericht. Die Arbeit an diesem Roman wie an all ihren anderen hat Albertine Sarrazin selbst im Gefängnis begonnen. Ob man darin den Grund für seine Tiefe und brutale Ehrlichkeit sehen will, bleibt den LeserInnen selbst überlassen.

Anick schreibt nicht zum Zeitvertreib, nicht um die Haftzeit zu verkürzen oder sie für sich nutzbar zu machen. Ihr Schreiben ist an sich schon ein Ausbruch, ein Widerstand. Doch ist es kein eskapistischer Akt: Ihre ausufernden Sprachbilder täuschen nicht über die Trostlosigkeit und die Brutalität des Knastes hinweg, sondern arbeiten sich an ihr ab, sind vielleicht der Versuch, die Gefängnismauern aufzulösen. So wie ihre Ausbruchspläne sich ausschließlich auf die Dicke der Gitterstäbe, die Höhe der Wände und die Scherben auf der Außenmauer konzentrieren, so konzentriert sich auch das Schreiben im Gefängnis auf nichts als das Eingeschlossensein, das Limitierte, auf den Alltag im Knast. Woraus kann ich mir eine Pinzette formen, und wo verwahre ich sie so, dass sie nicht entdeckt und konfisziert wird? Wie kann ich mich gegen meine Mitgefangenen in dem nervenzerreißenden Spiel zwischen Unterwürfigkeit und Selbstbehauptung durchsetzen?

Anicks Schreiben und ihre immer wieder neuen Pläne, dem Gefängnis zu entkommen, sind zwei der drei großen Freiräume im Dasein der Gefangenen. Der dritte ist die Liebe, denn Der Ausbruch ist auch ein Liebesroman. So unbeschränkt und radikal wie der Wille der Protagonistin ist ihre Liebe zu ihrem Freund Zizi. Und immer wieder scheint auch das Bedürfnis nach Nähe und engster Freundschaft zwischen ihr und ihren Mitgefangenen auf.

Der alles bestimmende Ausbruch meint zugleich das Entkommen aus den Mauern des Gefängnisses und den Ausbruch des Vulkans, der zum Bruch mit den Verhältnissen führt, verweist auf die Einbrüche, die Anick und Zizi in den Knast gebracht haben, und auf die schmerzenden Knochenbrüche, die Anick jeden Tag an ihre Flucht vom Tatort erinnern. Hier muss auf die hervorragende übersetezerische Leistung von Claudia Steinitz hingewiesen werden, denn Sarrazins Sprache ist durchdrungen von feingesponnen Bildern und Metaphern, die nicht selten und nicht zufällig von der Mythologie ausgehen, aber auch, durch Sprachcodes und Decknamen – Anleihe an die omnipräsente Zensur, die Kontrolle, an den heimlichen Kassiber-Austausch –, sehr verdunkelt. Das Schreiben setzt der Profanität des Gefängnisalltags eine Üppigkeit entgegen, die dennoch keinen anderen Gegenstand haben kann als eben diese Profanität, diese Kargheit, diesen Überfluss des Mangels, diese Grenzenlosigkeit des Gefängnisses.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt