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Ashland & Vine

Autor
Burnside, John

Ashland & Vine

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Beschreibung

Seit ihr Vater gestorben ist, trinkt die Filmstudentin Kate zu viel – und das nicht nur manchmal. Verkatert und lustlos versucht sie – ziemlich erfolglos – für ein Filmprojekt der Universität Menschen dazu zu bringen, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Dabei trifft sie auf Jane Culver, eine alte Dame, die unter einer Bedingung dazu bereit ist: Kate soll für fünf Tage nüchtern bleiben und dann wiederkommen. Zu ihrer eigenen Verblüffung sagt Kate zu und hält sich daran.

Was wie die Geschichte einer haltlosen jungen Frau beginnt, weitet sich mit Jane Culvers – aber nicht nur ihrer – Lebensgeschichte zu einem amerikanischen Panorama der letzten Jahrzehnte, in dem sich die politischen Entwicklungen und die sozialen Konflikte spiegeln. In Ashland & Vine zeigt John Burnside eine neue Seite seines Erzählens: Wie durch Reden und Zuhören Nähe und Vertrauen entstehen, die zum Frieden mit sich und anderen führen können.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Knaus Verlag, 2017
Seiten
416
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-8135-0461-3
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus Verlag.

Zum Buch:

Es ist ein heißer Sommertag. Die Filmstudentin Kate klingelt lustlos an den Türen einer Vorortsiedlung der kleinen Universitätsstadt, in der sie lebt und versucht, fremde Menschen dazu zu bewegen, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Die Hitze setzt ihr zu, die Zunge klebt am Gaumen, sie fühlt sich schlecht. Denn wie zumeist in den letzten Monaten seit dem Tod ihres Vaters hat Kate am Abend zuvor viel zu viel getrunken und ist verkatert. Nach etlichen Mißerfolgen trifft sie auf Jean Louise Culver, eine alte Frau, die Kate ins Haus bittet und ihr einen Kräutertee anbietet. Jean erklärt sich unter einer Bedingung bereit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen: Kate soll fünf Tage lang nüchtern bleiben und dann wieder kommen. Zu ihrer eigenen Verblüffung lässt Kate sich darauf ein und hält sich auch in der folgenden Zeit an diese Abmachung.

Was wie die Geschichte einer haltlosen jungen Frau beginnt, weitet sich mit Jane Culvers – aber nicht nur ihrer – Lebensgeschichte zu einem amerikanischen Panorama der letzten Jahrzehnte, in dem sich die politischen Entwicklungen und die sozialen Konflikte des Landes spiegeln. Jean erzählt die Geschichte ihres Vaters der aus rassistischen Gründen auf der Straße erschossen wurde, die ihres Neffen, der im Vietnamkrieg desertierte und fortan ein leben im Verborgenen führt, die ihrer Nichte, deren Engagement während der Studentenunruhen der sechziger Jahre in die Radikalität führt und die ihrer lebenslangen, unerfüllten Liebe zu Lee, die sie an einen Mann verliert.

Jeans Erzählung bringt Kate dazu, ihre eigene Geschichte, die Beziehung ihrer Eltern, das frühe Verschwinden der Mutter, den Tod des Vaters und ihr Verhältnis zu Lautitz, mit dem sie zusammenlebt, neu zu betrachten. Sie lernt dabei, dass Lebensgeschichten immer die Konstrukte derer sind, die sie erzählen.

Durch die sich durchdringenden Lebensgeschichten der beiden Frauen, aber auch anderer Figuren des Romans, entsteht nach und nach ein amerikanisches Panorama der letzten Jahrzehnte, und es gibt niemanden darin, der ungeschoren davon gekommen ist. Alle sind sie Versehrte – durch Krieg, Gewalt und Tod, körperliche und seelische Verletzungen –, und das Verblüffende daran ist die scheinbare Normalität dieser Vorgänge.

In Ashland & Vine zeigt John Burnside eine neue Seite seines Erzählens. Der Roman hat weder das düstere Funkeln von Glister, die trügerische Leichtigkeit von In hellen Sommernächten noch die Wucht von Lügen über meinen Vater. Ashland & Vine hat nichts geheimnisvoll Verborgenes. Die Sprache ist poetisch und virtuos, aber von einer bestechenden Einfachheit. Burnside erzählt hier, wie allein durch die Kraft des Erzählens und Zuhörens langsam Nähe und Vertrauen entstehen, die zum Frieden mit sich und anderen führen können.

Ruth Roebke, Bochum